Aktuelles Heft Archiv Seminare Abo Leserbrief Links Redaktion Mediadaten Impressum


Abo

Jetzt abonnieren! Schnupperabo Einzelheft DPV Sonderabo
Titelthema: Mord in Serie

Im Reich der Toten

Fotos: Patrik Budenz, Bernd Lammel

Möchten Sie noch mehr lesen? Jetzt abonnieren

Dass zu einer Obduktion nicht nur die Öffnung der Körperhöhlen gehört, sondern außerdem auch Blut, Urin und die Inhalte von Magen und Darm entnommen werden, weiß inzwischen jeder, der gerne Krimis sieht oder liest. Wer darüber noch mehr wissen will, erfährt das in Professor Dr. Michael Tsokos Büchern „Dem Tod auf der Spur“ oder „Der Totenleser“, in denen er über spektakuläre Fälle aus seinem Berufsalltag berichtet. Prof. Dr. Michael Tsokos ist Deutschlands bekanntester Gerichtsmediziner und Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité und zugleich Direktor des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin Berlin. Bettina Schellong-Lammel und Heide-Ulrike Wendt besuchten ihn an seinem Arbeitsplatz im Rechtsmedizinischen Institut.

NITRO: Herr Prof. Tsokos. Zuerst interessiert uns die Realität in der Rechtsmedizin. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus? Wie viel hat er mit Kriminalität zu tun?

Michael Tsokos:  Mein Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr mit einer Frühbesprechung. Da treffen sich alle Ärztinnen und Ärzte des Instituts in einem Konferenzraum und die Kollegen aus dem Nachdienst berichten, ob es Einlieferungen gab oder Leichenfundortbesichtigungen. Dann besprechen wir die Fälle vom Vortag, zum Beispiel die Obduktion eines 33-jährigen Mannes, der in einem Gleisbett tot aufgefunden wurde und entsprechende Verletzungen aufweist. Die Frage ist: Wurde er vom Zug überfahren, als er noch lebte oder war er bereits tot, als er ihn überrollte? War es also tatsächlich ein Suizid oder ist er getötet worden? Um diese Fragen klären zu können, brauchen wir Obduktionsbefunde und oder computertomografische Bilder, die der Rekonstruktion dienen. Die Dienstbesprechung dauert etwa 15 bis 20 Minuten, und kurz vor acht Uhr beginnen die Ärzte mit den Obduktionen.

NITRO: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Pathologie und Rechtsmedizin?

Michael Tsokos:  In der Pathologie werden Fälle untersucht, bei denen von vornherein fest steht, dass der Mensch an einem inneren Leiden starb. Die Pathologie ist quasi eine medizinische Qualitätskontrolle: Hat der Internist oder der Onkologe wirklich alle Metastasen diagnostiziert und die richtige Therapie verordnet? Gab es vielleicht irgendwo eine nicht erkannte Infektion?

Die Rechtsmedizin hingegen muss klären, ob der Tod eines Menschen durch Fremdverschulden verursacht wurde. Dabei sind über 50 Prozent der Fälle, die bei uns obduziert werden, natürliche Todesfälle. Das stellt sich aber oft erst nach oder während der Obduktion heraus. Kommt ein Mensch auf ungeklärte Weise ums Leben, wird er zur Feststellung der Todesursache grundsätzlich in die Rechtsmedizin gebracht. Wenn es keine Zeugen gibt, man seine Krankengeschichte nicht kennt und er auch keine äußeren Verletzungen aufweist, die sofort einen gewaltsamen Tod vermuten lassen, ist der Rechtsmediziner gefragt.

NITRO: … aber nicht nur dann.

Michael Tsokos:  Es gibt natürlich auch Tote, bei denen eine Fremdeinwirkung offensichtlich oder nicht auszuschließen ist. Das kann ein Treppensturz sein, wo die Gerichtsmedizin klären muss, ob ein ungewöhnliches Verletzungsmuster vorliegt. Es kann aber auch ein Injektionseinstich sein, der erst bei der Obduktion auffällt und der beweist, dass das Opfer vergiftet wurde. Es gibt aber auch die glasklaren Fälle, bei denen sofort feststeht – dieser Mensch wurde umgebracht.

NITRO: Was genau ist Ihre Aufgabe an einem Tatort und später im Institut? ...

Möchten Sie noch mehr lesen? Jetzt abonnieren
Heft Nr. 1-2012
Titelthema:
Mord in Serie

Titelfoto: WDR/Michael Böhme