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Titelthema: Mord in Serie

Macht Gewalt im Fernsehen gewalttätig?

Von Jo Groebel
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Lange Zeit galt der Forschungsstand zum Thema der Wirkungen von Gewaltdarstellungen als widersprüchlich. Heute weiß man recht eindeutig: Es gibt diese Wirkungen. Ihre Intensität hängt aber ab von individuellen Merkmalen der Zuschauer, realen Erfahrungen und dem kulturellen Kontext. Im ungünstigen Falle werden aggressive Tendenzen verstärkt, im günstigsten bleibt es beim Anregungs- und Unterhaltungseffekt.

TV-Aggression – eine Debatte in Wellen
Es gab viel Wirbel, als wir Anfang der 1990er-Jahre das ‚Gewaltprofil des deutschen Fernsehens‘ veröffentlichten. Offensichtlich hatten die 500 Morde pro Woche im TV-Programm, so das Ergebnis unserer damaligen Inhaltsanalyse, einen Nerv getroffen. Stern, Spiegel und andere titelten mit zuviel Gewalt im Fernsehen, bayerische Landfrauen und Grüne sammelten Hundertausende Unterschriften gegen Fernsehgewalt, es gab Parlamentsanhörungen, Initiativen, die Gründung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Es gab aber auch ernstzunehmende Stimmen, die aggressive Darstellungen als normalen Teil der Populär- und Hochkultur bezeichneten. Sie verwiesen auf Shakespeare, Grimms Märchen, Sagen und einen Großteil von Literatur, Theater, Film. Einige sahen sogar die Funktion der Mediengewalt als Katharsis, bekannt aus der griechischen Tragödie. Danach kann man eigene aggres sive Impulse durch Anschauen stellvertretend kanalisieren und abbauen. Diese These würde in der Konsequenz heißen, dass man chronischen Gewalttätern möglichst viel Extremgewalt zeigen müsse und sie so therapieren könne. Nicht plausibel und wissenschaftlich widerlegt.

Dennoch sind die Wirkungen der Mediengewalt natürlich recht differenziert zu sehen. Bei Kindern sehen sie anders aus als bei Älteren, bei realen Gewalterfahrungen der Zuschauer anders als ohne diese.

Heute, fast zwanzig Jahre nach unserer damaligen TV-Analyse, kursiert das Thema immer noch in wissenschaftlichen und pädagogischen Zirkeln. Aber die früher regelmäßigen öffentlichen Aufregungswellen gibt es schon lange nicht mehr. Das Fernsehen wurde beim Thema Gewalt schon lange von Computerspielen und einem unbegrenzten Web-Angebot überholt. Zudem hat man sich schlicht und einfach an eine Mindestdosis von dargestellter Aggression gewöhnt. Höchstens Bild, Express oder andere Boulevardblätter echauffieren sich hin und wieder über einen ‚Tatort‘ mit extremen Szenen, doch die politischen und moralischen Erregungsreflexe bleiben meist aus.

Nun könnte das ein Indikator für die Gewöhnungshypothese sein. Wir sind alle abgestumpft, die Gewalt wird gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Es könnte aber auch für einen entspannteren Umgang mit dem Thema sprechen. Entscheidend ist schlicht die Frage: Wirkt sich Mediengewalt, hier besonders im Fernsehen, in irgendeiner Weise schädlich auf Gefühle, Verhalten, Einstellungen aus und, wenn ja, in welcher Hinsicht?

Mit jedem neuen Medium, ob Buch, Film, Fernsehen oder Web ging immer die Befürchtung einher, es könne die Gesellschaft zum Schlechteren bringen, Moral senken, Kriminalität erhöhen. Tatsächlich werden Medien auch negativ benutzt, um gesellschaftlich destruktive Ziele zu erreichen. Dies reicht von ihrem Einsatz zu menschenfeindlicher Propaganda wie in jedem größeren Krieg bis hin zur Möglichkeit, in größerem Stil terroristisch aktiv zu sein, wenn Anschläge wie beim 11. September vor allem auch auf den Medieneffekt abzielen. Vernachlässigt wird bei diesen Debatten aber, dass Kommunikationsplattformen wie beispielsweise Presse, Fernsehen oder das Web zunächst neutral sind und vor allem positiv wirken: Aufklärung großer Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel, indem man ihnen ferne Kulturen aus der Wohnzimmerperspektive erschließt, schnelle Hilfe durch Ratgebersendungen, Interessensweckung gegenüber friedlichen Problemlösungen. Auch das Fernsehen hat also in breitem Maße zu Aufklärung, Bildung und Interessenserweiterung beigetragen.

Die Randbedingen für Mediengewalt
Entsprechend gilt es, beim Zusammenhang zwischen Medien und Gewalt nach den Randbedingungen zu fragen. Konkret, wann wird die gezeigte Aggression als vielleicht unterhaltsam, aber realitätsfern und irrelevant, wann sogar als abschreckend und friedenssteigernd, wann allerdings auch als stimulierend und impulsgebend für eigenes Verhalten erlebt. Ein Ergebnis der Forschung: Menschen, die bereits gewaltbereit sind, suchen selektiv entsprechende Medieninhalte und werden dann in ihren Tendenzen nochmals verstärkt. Gangmitglieder lieben Inhalte, die sie glorifizieren, ihnen Riten und aggressive Techniken vermitteln und sie ihre eigenen verfeinern lassen. Bei jüngst erfolgten Verhaftungen von Mafia-Größen gaben diese an, begeistert amerikanische Mafia-Filme gesehen und Verhaltensmuster und Redensarten daraus übernommen zu haben. Auch bei Einzeltätern steht regelmäßig die erhoffte Erhöhung von Ruhm und Beachtung durch Medienvorbilder und Medienaufmerksamkeit im Mittelpunkt. Das Medien-Gewalt-Geflecht besteht dabei aus einer Abfolge von persönlichen Dispositionen, Medieneigenschaften und kurz- und langfristigen Wirkungen.

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Heft Nr. 1-2012
Titelthema:
Mord in Serie

Titelfoto: WDR/Michael Böhme